Glückspilz

Anja Stahl beim Arbeiten im Freien

Hoch oben auf dem Dach hält sie einen Moment inne, atmet die kühle Morgenluft ein und lässt ihren Blick über die Umgebung schweifen. Das idyllische Dörfchen Süßen in der Region Stuttgart erwacht gerade erst, doch Schornsteinfegermeisterin Anja Stahl ist schon lange auf den Beinen und eben auf einem Dach. Die Freiheit, ihren Arbeitsalltag selbst zu bestimmen, schätzt sie an ihrem Beruf am meisten. Die 32-Jährige ist Bezirksschornsteinfegerin und Chefin eines Betriebs mit zwei Mitarbeitern. Seit sechs Jahren ist sie selbstständig, organisiert ihr Unternehmen und bildet Lehrlinge in diesem Beruf aus. So auch vor einigen Jahren ihren Mann – heute ebenfalls Schornsteinfegermeister in ihrem Betrieb.

Frauenpower

 

Etwa 1,70 Meter groß, gekleidet in einer schwarzen Latzhose, einem schwarzen Poloshirt und mit einem schwarzen Zylinder, wirkt Anja Stahl nahezu zierlich. Das macht sie mit ihrer Energie jedoch wieder wett. Schwungvoll schultert sie ihren schweren Rucksack voller Werkzeug. Das braucht sie, um die Sicherheit von Feuerstätten zu gewährleisten oder die Abgaswege bei Heizgeräten zu überprüfen. An manchen Tagen ist der Beruf körperlich sehr anstrengend. Anja Stahl ist viel zu Fuß unterwegs, reinigt große Anlagen, kehrt Kamine. Und das bis zu zehn Stunden am Tag. Was ihr an Kraft fehlt, gleicht sie mit Technik aus. „Mein ehemaliger Chef hat immer gesagt: Auf einen Punkt konzentrieren und dann mit Schmackes drehen – das funktioniert.“ Nicht ohne Grund sind Frauen und Männer in diesem Beruf absolut gleichberechtigt. Sie übernehmen die gleichen Aufgaben und werden dafür auch gleich bezahlt. Ein Handwerk, das manch anderen Berufen als Vorbild dienen kann.

 

Der Vorschlag, Schornsteinfegerin zu werden, kam von ihrer Mutter: „Ich war schon immer sehr unkompliziert, wollte etwas mit den Händen machen“, sagt Anja Stahl. „Für die Idee, Schornsteinfegerin zu werden, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich machte ein Praktikum beim Schornsteinfeger im Ort und besuchte dabei meine Nachbarn.“ Der Kontakt zu ihren Kunden ist auch heute Anja Stahls größte Stärke. Tag für Tag besucht sie diese in ihrem Zuhause und wird immer herzlich empfangen. „Für einige ist der Zutritt in die Privatsphäre ein Problem. Dann ist es wichtig, sehr sensibel zu sein. Ich habe es täglich mit den verschiedensten Charakteren zu tun, darauf muss ich mich einstellen. Vielleicht liegt darin mein Vorteil als Frau, vielleicht ist das aber auch einfach Typ-Sache.“

 

Wegen ihrer Berufswahl hat Anja Stahl gelegentlich mit Vorurteilen zu kämpfen. „Dürfen Frauen das jetzt auch schon machen“ ist ein Satz, den sie so oder ähnlich zur Genüge kennt. Es sei auch keine Seltenheit, dass sie zu einer Baubesprechung komme und zunächst für die Auszubildende gehalten werde, erzählt sie. Mit ihrem technischen Wissen klärt sie den Irrtum aber schnell auf. Außerdem denken Kunden oft, sie müssten ihr bei schweren Tätigkeiten unter die Arme greifen. „Das wird aber besser, sobald wir uns kennenlernen. Dann merken meine Kunden, dass ich die Technik kenne und es als Frau genauso gut hinbekomme.“ Das geht vielen Frauen in diesem Handwerk so, denn es ist schließlich noch immer eine Männerdomäne. Im Jahr 2017 kam in Deutschland auf zehn Schornsteinfeger eine Frau. Doch die Zahl steigt. „Es arbeiten immer mehr Frauen in dem Beruf. Das belebt die Branche“, sagt Anja Stahl.

 

Ein Beruf im Wandel Die Aufgaben der Schornsteinfeger haben sich in den vergangenen 15 Jahren sehr verändert. Nicht zuletzt durch die Energiewende: Im Neubau liegen Wärmepumpen im Trend, bei einer Modernisierung Brennwerttechnologie in Kombination mit Solarthermie. Während manche Aufgaben für Anja Stahl dieselben bleiben –  Schornsteine kehren, Feuerstätten prüfen – wird sie gleichzeitig mehr und mehr zur Energieberaterin. „Umweltschutz ist ein großes Thema, bei dem wir mit moderner Heiztechnik viel bewirken können“, sagt sie, denn die Feinstaubgrenzwerte wurden durch die Bundes-Immissionsschutzverordnung verschärft und Holzheizungen sowie Kaminöfen müssen öfter gemessen oder ganz ersetzt werden. Aus diesem Grund ist die Ausbildung zum Gebäudeenergieberater im Handwerk Teil der Meisterschule. Und auch die laufenden technologischen Entwicklungen gehen am Handwerk nicht vorbei: „Unser Beruf wird immer digitaler. In meiner Ausbildung bin ich noch mit Arbeitsbüchern und Karteikarten zu den Kunden gefahren. Heute ist der Laptop nicht mehr wegzudenken.“

 

Die Sache mit dem Glück

 

Wenn Anja Stahl durch die Fußgängerzone läuft, wird sie oft von Fremden angesprochen. Dann hört sie Sätze wie: „Ich habe Lotto gespielt, darf ich sie umarmen?“ Einer alten Sage nach bringt es Glück, wenn man die Schulter von Schornsteinfegern reibt oder an ihren Knöpfen dreht. „Bei meinem Mann haben schon so viele am obersten Knopf gedreht, dass er fast lose nach unten hängt“, erzählt Anja Stahl lachend. Sie habe auch viel Glück, sagt sie. Glück sei alles Sache der Einstellung: Wenn man Glück ausstrahlt, dann bekommt man auch Glück zurück.

 

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